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Neue Sicht, Offenheit und Berufswunsch gefunden

Fabio Erken, Abitur 2018 : Freiwilliges Soziales Jahr an einer Förderschule

Nach meinem Abitur 2018 am SJG wusste ich immer noch nicht, was ich studieren wollte, also habe ich etwas gesucht, um sinnvoll Zeit zu überbrücken und mir dessen bewusst zu werden. Ich stand zwischen den Alternativen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ), einer normalen Arbeit und ein Jahr nichts zu tun und zu genießen. Das habe ich jedoch schnell wieder verworfen, da mir das doch schon sehr langweilig vorkommt und ich mir eine gute finanzielle Basis für mein geplantes Studium schaffen wollte. Außerdem macht sich sowas sehr schlecht im CV.

Schlussendlich habe ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden, da ich mir davon viele Einblicke versprochen habe. Relativ schnell war für mich klar, dass ich dieses, wenn möglich, an einer Förderschule ableisten wollte, da meine Mutter Lehrerin an einer solchen ist und ich somit schon früh Kontakt zu behinderten Menschen hatte. Über das Internet habe ich schnell in Erfahrung gebracht, welche Förderschulen es in der Nähe meines Wohnortes gibt und welche mich ansprechen. Dort bin ich auch auf die Irena-Sendler-Schule in Euenheim gestoßen, mit der ich auch direkt telefonisch einen Hospitationstag ausgemacht habe, um diese kennen zu lernen. Die Schule gefiel mir an diesem Tag ziemlich gut, sodass ich andere Hospitationstage an anderen Schulen für unnötig hielt und mich dort auch direkt beworben habe. Zu der Schule muss man sagen, dass sie offiziell den Fokus auf körperlich, motorische Behinderungen legt, was mich zu Beginn gefreut hat, da ich dachte, dass es bestimmt einfacher ist mit lediglich motorisch behinderten Schülern (z. B. Rollstuhlfahrer, Spastik,etc.) umzugehen als mit stark geistig behinderten Kindern. So kam ich auch dazu, mir zuerst diese Schule anzugucken. So kam ich also zu meinem FSJ an der Irena-Sendler-Schule in Euenheim.

Am ersten Tag wurden alle FSJler erstmals einander vorgestellt, wir waren zu Beginn insgesamt fünf Jungs und zwei Mädchen. Ebenso konnten wir Präferenzbereiche angeben, welche Altersgruppen wir am liebsten Betreuen würden (Unter-, Mittel-, Abschlussstufe), was zu einer Erstausrichtung unserer Arbeitspläne diente. Nach einer Anlaufzeit von ein paar Wochen, in der wir eingearbeitet wurden, bestanden meine Aufgaben größtenteils darin, einen geistig behinderten Jungen zu betreuen, der Pflege und zu einem geringem Teil der Unterstützung in der Klasse. Zu dem pflegerischem Aspekt muss ich sagen, dass es viel einfacher ist, als man es sich vorstellt, mal eine Windel zu wechseln oder Kinder auf den Toilettensitz zu heben, zumal man von den Krankenschwestern gut eingearbeitet wurde. Die einzige Sache, die mich anfangs etwas gestört hat, war die Aufgabe, den Jungen zu betreuen (nennen wir ihn hier doch einfach Tom), da er wirklich sehr anstrengend war. Sobald ich nach Hause gekommen bin, bin ich meistens ins Bett gefallen, weil ich so erschöpft war, da er einen einfach ausgelaugt hat. Tom hat ein spezielles Syndrom, welches bei Jungen mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 250.000 auftritt. Bei Mädchen immerhin bei 1 zu 50.000. Somit habe ich bei der Betreuung von Tom wohl echt im Lotto gewonnen. Tom kann nicht reden, lediglich lautieren und kann, wenn er Lust hat, mit unterstützenden Gebärden arbeiten. Aber auch nur wenn er Lust hat. Das machte es zu Beginn ziemlich schwer ihn zu verstehen, da ich die Gebärden auch noch nicht kannte.

Ebenso hat Tom bestimmte Ticks, wie zum Beispiel, dass er Männern in den Schritt fasst und Frauen an der Haaren zieht, und zwar mit ganzer Kraft. Wie man sich vielleicht vorstellen kann, ist das nicht so angenehm. Er leidet ebenfalls unter leichtem Muskelschwund, weshalb er mit 14 nicht so stark ist wie gleichaltrige, so ist er ungefähr so stark wie ein Zehnjähriger. Er spielt gerne Fußball und liebt Ballons. Mit der Zeit habe ich eine Bindung zu Tom aufgebaut, ich wurde seine engste Bezugsperson. So hörte er auf mich, wo er auf andere Personen nicht hört, und seine Ticks hat er mittlerweile gar nicht mehr, wenn ich ihn betreue. Trotzdem war es zu Beginn ein holpriger Start mit ihm, wobei ich immer sehr froh war diese Erfahrung mit ihm machen zu dürfen, auch wenn es manchmal sehr anstrengend war. Tom hat jedoch auch Aktionen gebracht, auf die ich hier nicht näher eingehen will, da sie für Außenstehende dezent verstörend wirken. Nach einem Monat hat Tom jedoch endlich zwei Schulbegleiter bekommen, wodurch ich dort ziemlich entlastet wurde und ich neue Aufgaben bekommen habe. Neben den bisherigen Aufgaben hatte ich nun noch Küchendienst (Essen verteilen und ausliefern) und habe noch mehr in den Klassen oder bei verschiedenen AGs unterstützt. So war ich zum Beispiel in der Fußball AG und durfte dort mit den Jugendlichen kicken.

Ebenso mussten wir während des FSJ Pflichtseminare absolvieren, die unerwarteterweise ziemlich spaßig waren. Dort wurden verschiedene Themen behandelt und in der Freizeit hat man mit der neuen Gruppe, welche man dort erst neu kennen lernte, viel Spaß gehabt. An so einem Seminar würde ich jederzeit freiwillig wieder teilnehmen.

Während des FSJ wurde mir außerdem klar, dass ich Medizin studieren möchte, was mit einem Abi-Schnitt von 2,1 extrem schwer ist. Also habe ich entschlossen mich insgesamt fünf Monate auf den Medizintest vorzubereiten und sechsmal die Woche zwei bis drei Stunden zu lernen. Dass ich dies auf Dauer durchgehalten habe, ist schon ein kleiner Erfolg, mal sehen ob es gereicht hat, denn das Ergebnis erhalte ich erst im nächsten Monat.

Abschließend, damit der Text auch nicht viel zu lang wird, kann ich sagen, dass mir das FSJ viel Spaß gemacht hat und ich auf jeden Fall eine neue Sicht auf solche Dinge bekommen habe. Außerdem wurde ich durch das FSJ und den Kontakt zu vielen unterschiedlichen Menschen viel offener und auch selbstbewusster, da man viel Kontakt zu anderen Menschen hat. Ich gehe nun deutlich mehr auf fremde Leute zu, was ich vorher nicht getan hätte, und komme auch deutlich schneller ins Gespräch mit ihnen.

Das FSJ würde ich jedem empfehlen der einen Einblick in einen sozialen Beruf haben möchte, keine Studienpläne hat oder einfach nur Zeit überbrücken möchte.