Studienfahrt nach Auschwitz

 „Höre auf die Stimme dieser Erde“ – mit diesen Worten begrüßte uns Pfarrer Dr. Manfred Deselaers am Freitagabend, dem 17.2.17, im „Zentrum für Dialog und Gebet“ in der Nähe des Stammlagers Auschwitz. Der Versuch, auf die Stimme dieser Erde zu hören, begleitete uns unseren gesamten Aufenthalt. Erstmalig fuhr im Rahmen der Besinnungstage der Jahrgangsstufe 12 eine Schülergruppe nach Auschwitz in Polen.

Am Sonntagmorgen begaben sich die Schüler auf eine vierstündige Führung in das Stammlager Auschwitz. „Dort wurde uns vor allem bewusst, dass all die unvorstellbaren Zahlen der Getöteten und Deportierten, die wir aus Geschichtsbüchern kannten, einzelne Individuen waren – Menschen mit eigenen Geschichten, Familien, Ängsten und Vorlieben“, sagt Judith Bernhardt.

Nach diesen ersten einprägsamen Eindrücken der Vergangenheit besuchte die Gruppe nachmittags die Kunstausstellung „Dein Weg durch die Labyrinthe“ eines ehemaligen Häftlings. Marian Kolodziej begann 46 Jahre nach seinem knapp fünfjährigen Aufenthalt in unterschiedlichen Konzentrationslagern, seine Erfahrungen und Gefühle aus dieser Zeit in Form von Schwarz-weiß-Zeichnungen zu verarbeiten. Die Zeichnungen vermitteln vor allem die Verzweiflung, den Hunger und die Identitätslosigkeit der Häftlinge. Sie wurden nicht mehr als Menschen wahrgenommen, sondern als Nummern, die jederzeit ihr Leben fürchten mussten.

Am nächsten Morgen feierte man einen polnischen Gottesdienst, in dem trotz der großteils vorhandenen Sprachbarriere eine Atmosphäre vermittelt wurde, in der wir einen Teil der polnischen Gottesdienst-Kultur kennen lernen konnten.

Anschließend lernten die Schüler im Rahmen einer vierstündigen Führung das Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau kennen. „Als uns die Größe des Lagers bewusst wurde, begannen wir den Begriff der ‚Massenvernichtung’ besser zu verstehen“, meint Lisa Lugauer. Im Gegensatz zum Stammlager ist Birkenau nicht so gut erhalten, weil die Baracken großteils aus Holz bestanden. Und da die Krematorien zur Verschleierung des Verbrechens gesprengt wurden, sind nur noch die Ruinen zu sehen. Wir liefen entlang der Bahngleise, wo während des 2. Weltkrieges die Deportierten auf der Judenrampe selektiert wurden, durch die heute noch erhaltenen Baracken zu den Krematorien. „Als wir an den Teichen vorbeikamen, die mit der Asche der Ermordeten aufgeschüttet wurden, konnten wir nicht begreifen, wie es zu einer derartigen Vernichtung der Juden kommen konnte“, schildert Catherine Plate.

Das „Jüdische Museum“, das dem Leben der Juden in Oświeçim vor dem 2. Weltkrieg und ihren Geschichten gewidmet ist, stand als Nächstes auf dem Programm. In dem Gebäude des Museums befindet sich die letzte Synagoge der Stadt. Der Tag endete mit einer kurzen Führung durch die Stadt Oświeçim, die nach wie vor durch die nationalsozialistische Zeit geprägt ist.

Am Montagmorgen konnten Gebäude des Stammlagers Auschwitz ausführlich besichtigt werden. Unter anderem beschäftigten wir uns näher mit Ausstellungen der einzelnen Länder, z.B. Belgien, Frankreich, Niederlanden, Polen, Russland, Ungarn, und ethnischen Gruppen – Sinti und Roma sowie Juden –, die besonders von der Vernichtung während des 2. Weltkrieges betroffen waren. Jedes Land versucht aus der ihm eigenen Perspektive auf unterschiedliche Weisen an die Opfer zu erinnern.

Nachmittags bot sich die besondere Gelegenheit, mit Prof. Waclaw Dloguborski einen ehemaligen Häftling aus dem Konzentrationslager Birkenau zu treffen. Er erzählte uns seine Lebensgeschichte und die Gründe seiner Verhaftung. Er war bereits mit 16 Jahren ein Teil der polnischen Widerstandsbewegung gewesen. Nach seinem Vortrag beantwortete er unsere Fragen ausführlich. „Durch dieses Gespräch wurde uns erneut bewusst, dass hinter jeder Zahl einzelne Menschen mit individuellen Geschichten stecken“, so Dafne Yazdan.

„Der Aufenthalt zeigte uns vor allem, dass wir als Menschen diesen Abschnitt der Geschichte nicht vergessen dürfen, damit sich das Geschehene nicht wiederholt“, lautet das Statement der Gruppe nach dem Besuch in Auschwitz.

Wir alle sind sehr dankbar dafür, dass uns diese Fahrt ermöglicht wurde. Unser Dank gilt insbesondere der Familie Bethe mit ihrer Stiftung „Erinnern ermöglichen“ und dem Rotary Club Bonn-Rheinbach, die die Reise finanziell unterstützten.

Judith Bernhardt, Lisa Lugauer

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