Achtung: Diese Seite ist nicht mehr aktuell!
Besuchen Sie unsere neue Homepage unter
www.sjg-rheinbach.de.

Zeitzeuge Hellmut Stern

Stadtpark 31, 53359 Rheinbach, Telefon 02226 - 9224-0

Ausnahmemusiker und Zeitzeuge

Geiger Hellmut Stern besuchte das Erzbischöfliche St.-Joseph-Gymnasium Rheinbach im Rahmen des Education-Programs des Bonner Beethovenfestes 2008, das unter dem Thema „Macht. Musik“ steht.

„Oh, sind das viele hier!“ formuliert Hellmut Stern überrascht, als er den Mariensaal des Erzbischöflichen St.-Joseph-Gymnasiums Rheinbach betritt. Rund 60 Schülerinnen und Schüler haben sich dort mit ihren Lehrerinnen und Lehrern versammelt, um den Erzählungen des 80jährigen Musikers zu lauschen. Sie werden im Verlauf der nächsten guten Stunde nicht enttäuscht, und Stern auch nicht. Mit seiner lebendigen und charmanten Art zieht H. Stern, langjähriger stellvertretender Konzertmeister der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan, die Jugendlichen in seinen Bann. Diese lauschen gespannt und stellen viele Fragen. Sie lernen in ihm einen unmittelbaren Zeitzeugen der deutschen Vergangenheit kennen, über die sie im Unterricht sonst nur anhand von historischen Quellen oder Filmaufnahmen Näheres erfahren können. Das Spannende an diesem Besuch, den die Organisatoren des Beethovenfestes Bonn möglich gemacht haben, ist die äußergewöhnliche Verknüpfung im Leben des Geigers: Wie hat er die Vereinnahmung und Ausgrenzung von Musik, Musikern und Komponisten im Dritten Reich erlebt und in welcher Rolle sieht er sich als Musiker – nur als Unterhalter oder auch als Repräsentant politischer Aussagen?

Als Zehnjähriger war Hellmut Stern 1938 aus seiner Heimatstadt Berlin vor den Nazis nach China geflohen, weil seine jüdischen Eltern, die selber auch Musiker gewesen waren, ihre Arbeitsstellen verloren hatten und aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen worden waren. „Meine Schule war abgebrannt, die Synagoge in Flammen aufgegangen und ich durfte nicht mehr mit meinen Freunden spielen und musizieren, weil ich Jude war,“ schildert Stern die Auswirkungen während der Zeit der Machtergreifung auf sein persönliches Leben. In Nordostchina, in der Mandschurei, hat er dann 11 Jahre lang als junger Mann über lange Zeit hin den Lebensunterhalt für seine Familie mit seinem Geigenspiel verdient.

Nach endlosen Schwierigkeiten war es der Familie 1949 schließlich gelungen nach Israel auszureisen, wo Hellmut Stern durch eine schicksalhafte Begegnung mit seinem berühmten Namenskollegen Isaac Stern Mitglied des Israel Philharmonic Orchestra wurde. 1961 kehrte er - nach 5 Jahren Aufenthalt in den USA - in seine Heimatstadt Berlin zurück und wurde stellvertretender Konzertmeister beim Berliner Philharmonischen Orchester – dem Orchester, das als „Reichsorchester“ von eben jenen Nazis vereinnahmt worden war, vor denen er geflohen war.

Den Rheinbacher Schülerinnen und Schülern wird an diesem Nachmittag deutlich: Hellmut Stern hat sich nie nur als Musiker verstanden, sondern immer auch als politisch bewusster Zeitgenosse. Seit seinem Ausscheiden aus dem Berliner Orchester 1994 widmet er sich leidenschaftlich der politischen Aufklärungsarbeit. „Ich hätte mir gewünscht, nach Veröffentlichung meiner Biographie ‘Saitensprünge’ noch schneller berühmt zu werden“, erläutert Stern selbstironisch. Dass es ein paar Jahre gedauert hat, bis er nun immer häufiger zu Gesprächen vor allem mit Jugendlichen eingeladen wird, wie an diesem Tag, bedauert er dennoch nicht. „Ich freue mich, dass sich heutzutage so viele junge Menschen für mein Leben interessieren, kann doch nur Zukunft entstehen, wenn man über die Vergangenheit Bescheid weiß.“

Gisela Mettig / Michael Weyer