100 Jahre St. Joseph-Gymnasium

Rede von Schulleiter Hans Rieck am 19.3.2011 (Joseph-Tag)

Historischer Abriss der Schulgeschichte des St. Joseph- Gymnasiums zum 100-jährigen Bestehen

Vor hundert Jahren war Deutschland eine Monarchie, ein Kaiserreich. Da gab es keinen Bundeskanzler und schon gar keine Bundeskanzlerin. Mit Kaiser Wilhelm II. stand ein erblicher Monarch an der Spitze einer aufstrebenden Großmacht, die sich wirtschaftlich in enormem Tempo von einer Agrargesellschaft zu einer Industriegesellschaft entwickelte. Eisenbahn, Dampfschifffahrt und auch schon das Auto revolutionierten das Verkehrssystem, das Telefon revolutionierte das Kommunikationssystem, wobei in Großstädten wie Berlin die Nummern noch vierstellig waren, so wie heute z. T. noch in Rheinbach. Neue Medikamente brachten das Gesundheitswesen weit voran. Die Bevölkerung wanderte vom Land in die Stadt, wo es genügend Arbeit gab. Es war eine Zeit des Aufbruchs in ein neues Zeitalter und die große Katastrophe des 1. Weltkriegs von 1914 – 1918 veränderte die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen in einer bis dahin nicht gekannten Weise.

In diese Zeit fällt das Gründungsjahr unserer Schule. 1911 war die Struktur der Gesellschaft noch die aus dem 19. Jahrhundert, vielleicht sogar noch älter. Es war eine Männergesellschaft. Frauen spielten weder in öffentlichen Ämtern, noch in Politik, noch Wissenschaft oder Wirtschaft eine Rolle, schon gar keine führende. Es gibt nur ganz vereinzelte Ausnahmen. Das Wahlrecht für Frauen wurde in sehr vielen europäischen Ländern erst im Zuge der raschen Umbruchs- und Demokratisierungsprozesse in der Folge des 1. Weltkrieges eingeführt: Deutschland 1919, USA 1920, England erst 1928, Frankreich und Italien erst nach dem 2. Weltkrieg, also nach 1945. Die Rolle der Frau, so wie wir sie heute in unserer Gesellschaft sehen, musste also erst grundsätzlich erkämpft und dann entwickelt werden.

Schon dieser kurze Abriss zeigt, dass unsere Schule im Laufe ihrer Geschichte gewaltigen Entwicklungen ausgesetzt war und selbst auch viele verschiedene Stadien in ihrer Entwicklung gehabt hat.

Der Staat hat die Bildung aller seiner Bürger erst recht spät als seine Aufgabe erkannt. Zwar wurde die allgemeine Schulpflicht in Preußen schon 1717 und weil das nicht richtig geklappt hatte noch einmal 1763 eingeführt, aber das galt nur für Jungen und stand überhaupt erst einmal nur auf dem Papier. Es entstanden Volksschulen, oft mit nur einem Lehrer für 70 oder 80 Schüler. Gymnasiale Bildung erlebte erst nach 1810 durch den preußischen Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt einen Aufschwung, der aber nur für den männlichen Nachwuchs adliger und begüterter Familien wirksam wurde. Das Schulgeld war zu hoch und der Wert von Bildung noch nicht so augenfällig wie heute. Warum ich hier von Preußen erzähle, liegt daran, dass unser Rheinland lange Jahre zu Preußen gehört hat.

1909 wurde der Vorläufer des Städtischen Gymnasiums, die höhere Lehranstalt für Jungen, zu einem richtigen Gymnasium ausgebaut, an dem man auch das Abitur machen konnte. Ein neues Gebäude war dafür gebaut worden; es ist das Haus, in dem sich heute u. a. das i-Tüpfel befindet, dass die meisten von Euch kennen. Ein Jahr vorher erst hatte die Regierung auch den Weg für Mädchengymnasien frei gemacht. Dem damaligen Bürgermeister von Rheinbach war es ein hohes Anliegen, jetzt möglichst bald auch ein Mädchengymnasium in der Stadt zu haben und er stellte das Grundstück an der Lurheck dem Orden der Schwestern unserer Lieben Frau zur Verfügung, die sich zur Schulgründung bereit gefunden hatten. An der Lurheck war Rheinbach damals zu Ende. Die Schule wurde also aufs freie Feld gesetzt, wie es die alten Bilder auf unserer Homepage zeigen.

Mit dem Bau einer Mädchenschule in Rheinbach betrat man also in jeder Hinsicht Neuland. In nur einem Jahr Bauzeit, war der Schulbau 1912 weitgehend fertig und konnte bezogen werden. Das, was wir heute Altbau nennen, beherbergte fortan eine Schule, ein Pensionat, wie man Internate für Mädchen damals nannte, ein Kloster und mit den Nebengebäuden auch einen landwirtschaftlichen Betrieb, der eine große Rolle in der Versorgung von Kloster und Pensionat spielte.

Schule, das bedeutete zunächst ein Lyzeum, eine Schulform, die die Klassen 1 bis 10 umfasste – nach heutigen Begriffen eine Kombination aus Grundschule und Sekundarstufe I. Bereits 1914 war der Aufbau des Lyzeums abgeschlossen und die Zahl der Schülerinnen lag etwa bei 170. Die Klassen waren also recht klein. Die Rheinbacher nannten ihre neue Schule ‚Et Lyz’. Ein Lyzeum spielt auch in der ‚Feuerzangenbowle’ eine Rolle, die morgen Premiere hat.

1918 begann man mit dem Aufbau einer Oberstufe, damals Studienanstalt genannt, und 1924 fand das erste Abitur in unserer Schule statt. Die Mädchenbildung orientierte sich mehr am Modell des Realgymnasiums – das ist keine Kombination aus Realschule und Gymnasium, sondern eine höhere Schulform, die anders als das traditionsreiche humanistische Gymnasium weniger Wert auf die alten Sprachen Lateinisch und Griechisch legte, sondern den neuen Sprachen und den Naturwissenschaften, die damals einen ungeheuren Aufschwung erlebten, einen breiteren Raum gaben. Dazu kamen an unserer Schule hauswirtschaftliche und praktisch-pädagogische Übungen. Dies ist ein klares Zeichen für die Ausrichtung der Schule in dieser Zeit und natürlich dem Frauenbild der damaligen Zeit verpflichtet. Haushaltsführung und Kindererziehung standen weit oben auf der Liste. Insgesamt aber, man kann es nicht genug betonen, ein ungeheurer Fortschritt für die Mädchen, denn das Tor in die Welt der qualifizierten akademischen Berufe war unwiderruflich aufgestoßen – und selbst in der Zeit des Nationalsozialismus blieb es trotz großer Anstrengungen der Nazis, die Emanzipation der Frau zu verhindern, dabei. Sehr viele unserer Abiturientinnen sind Lehrerinnen geworden, ein akademisches Berufsfeld, das sich als eines der ersten für Frauen öffnete, aber schon unter den Abiturientinnen der späten dreißiger Jahre und auch des letzten Abiturjahrgangs von 1942 finden sich spätere Ärztinnen, Apothekerinnen und Juristinnen.

Warum sage ich “letzter Abiturjahrgang 1942“: 1941 haben die Schwestern den Kampf gegen die nationalsozialistische Verwaltung aufgeben müssen und sich in die Schließung der geliebten Schule fügen müssen. St. Joseph erlitt das Schicksal vieler anderer kirchlicher Schulen. Von den damaligen Abiturientinnen, die sich in ihrer Abizeitung „Die letzte Staffel“ nennen, leben im übrigen noch 8 Damen, jetzt hoch betagt und fast 90 Jahre alt, deren Erinnerungen ihr im Jubiläumsjahrbuch nachlesen könnt.

Die Kriegsniederlage und das Ende der Naziherrschaft bedeutete die Wiederauferstehung der Schule. Der Krieg war am 8. Mai 1945 zu Ende, die Schule wurde am 22. Oktober, also nur 5 Monate später wieder eröffnet und hatte 1948 schon wieder fast 300 Schülerinnen. Zusätzlich kam ein Kindergarten dazu, der 110 Plätze hatte. Das war der Kindergarten Liebfrauenwiese, den es heute noch gibt, und der seit 1959 seinen Platz neben der Schule fand und den einige von Euch auch besucht haben.

Das Leben ging also weiter, wenn auch in einem vom Krieg stark beschädigten Gebäude, das erst einmal unter großen Mühen repariert werden musste. Das Haus war völlig ausgeplündert, Es fehlten Türen, Fenster, Inneneinrichtung, das halbe Dach. Es ist eine großartige Leistung der Schwestern Unserer lieben Frau, dass 1947 und 1948 schon wieder jeweils 20 Mädchen hier ihr Abitur ablegen konnten.

Die Schule wuchs in den 50er Jahren, aber nur langsam. Von den etwas mehr als 300 Schülerinnen waren rund 120 im Internat, der Rest waren sogenannte Externe. Wenn man sich mal unseren Neubau wegdenkt und die Turnhalle mit den H-Räumen, gleichzeitig ein großer Teil des Altbaus ja ein Kloster mit z. T. über 40 Ordensschwestern war, kann man sich gut vorstellen, das St. Joseph auch damals ein volles Haus war.

Heute haben wir mehr als dreimal so viele Schülerinnen. Das liegt vor allem am Sputnikschock. Sputnik: Was ist das? Sputnik ist russisch und bedeutet Begleiter oder Trabant; es ist der erste Satellit, der 1957 von Menschen in eine Erdumlaufbahn geschossen wurde, und zwar von den Russen, damals das Feindbild der westlichen Welt unter der Führung Amerikas. Wir haben ja fast schon vergessen, dass sich nach dem 2. Weltkrieg Ost und West so feindlich gegenüberstanden, sich so krass und besonders deutlich fühlbar in Deutschland von einander abgrenzten. Die Berliner Mauer, vor 50 Jahren errichtet und vor 22 Jahren eingerissen, ist das stärkste Symbol dafür.

Der Westen war schockiert, weil er sich überlegen gefühlt hatte – und nun sah, was russische Ingenieure leisten konnten. Die Folge waren Rüstungsanstrengungen und große Bildungsinitiativen, um mehr qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs zu bekommen. Es begann auch in Deutschland ein rasanter Ausbau des Bildungswesens und vor allem der höheren Schulen und der Universitäten.

Die Schwestern sind diesen Weg mitgegangen und die Zahl der Schülerinnen stieg von 1960 bis 1970 von 360 auf 800 an. Im Park wurde eine sog. Gartenschule gebaut, was ein beschönigender Begriff für Unterrichtsbaracke ist und zwei weitere Container aufgestellt. 1966 war der Schulneubau fertig, den jetzt seit kurzem die neue Fassade ziert. Im Altbau gab es nur noch 12 Klassenräume. Das St. Joseph Gymnasium bot in den neuen Räumen bis 1976 zwei Ausbildungszweige an: In den Klassen 5 und 6 war es ein neusprachliches Gymnasium mit Englisch als Eingangssprache für alle. Danach mussten sich die Schülerinnen für den G-Zweig oder den F-Zweig entscheiden. G stand für Gymnasial und Latein war die zweite Fremdsprache und Französisch ab Klasse 9 die dritte, F stand für Frauenbildung und es gab mit Französisch nur eine weitere Fremdsprache und dafür später die Fächer Hauswirtschaft und Gartenlehre. Der Abschluss des F- Zweiges berechtigte bis 1970 nicht zum Studium an einer Universität, und viele der Absolventinnen haben danach die pädagogische Hochschule besucht und sind Lehrerinnen geworden. Spitze Zungen sprachen zuweilen vom Puddingabitur, aber das trifft die Sache nicht. Einigen Kollegen sagt man nach, sie hätten besonders gerne im F- Zweig unterrichtet, weil die Versorgung z. B. mit Kuchen gegenüber dem G-Zweig hoch überlegen war.

Das endete im Jahre 1976 mit der Einführung der neuen Gymnasialen Oberstufe, wie ihr sie kennt. Das Fach Hauswirtschaftswissenschaftslehre überlebte noch, solange mit Sr. Liboria eine Ordensfrau im Dienst stand, die die entsprechende Lehrbefähigung hatte und die Lehrküche regierte. Die Lehrküche gibt es auch heute noch und wird derzeit von Kursen der Realschule benutzt.

1976 ist auch das Jahr des Beginns der Kooperation mit dem Vinzenz Pallotti Kolleg. Zuerst ein zartes Pflänzchen, wuchs sie rasch und gedieh: 1991 fand die erste gemeinsame Abiturfeier statt, d. h. in diesem Jahre feiern wir zum 20. Male gemeinsam Abitur. Längst ist die Kooperation ein eingewachsener Bestandteil unserer Schule, und über den wir sehr froh sind. Nach früher 6 heute 5 Jahren in einer Mädchenklasse eintauchen in eine koedukative Oberstufe mit einem Kursangebot, das seinesgleichen sucht, ist nach meiner Kenntnis einmalig in ganz Deutschland. Und es schafft Ausbildungsbedingungen, auf die wir sehr stolz sein können.

Zurück zum Sputnik. Der Sputnikschock war nachhaltig. Heute besucht fast die Hälfte aller Mädchen nach der Grundschule ein Gymnasium; vorher waren es weniger als 10 Prozent. In den letzten 30 Jahren hat sich die Berufswelt geöffnet für Frauen in fast allen Positionen. Das „fast“ muss man dick unterstreichen: Es ist noch mehr drin. Aber die Headline der Zeitung ‚Das Parlament’, die im Medienzentrum leider meist nur unbeachtet ausliegt, titelt in der Februarausgabe „Frauen machen Dampf“ zum Thema Gleichberechtungsdebatte im Bundestag, und Bildung war das Großthema der Januarausgabe. Wenn man die Headlines liest, erkennt man zwischen den 60er Jahren und heute manchmal nicht den Unterschied. Es scheint, als wären nichts geschehen und die Probleme die gleichen. Das erste stimmt nicht, es ist vieles geschehen, ihr seht es an euerer eigenen Schule, das zweite stimmt zum Teil: Schulen werden nie wirklich alt: Man muss immer wieder angreifen, die Schüler und die Lehrer, damit sie zu jeder Zeit das schaffen, was ihr Auftrag ist, den für mich immer noch am besten der Philosoph und Pädagoge Neil Postman formuliert hat: Was Schulen im besten Sinne tun können, ist, den Kindern und Jugendlichen ins Leben zu helfen. Und das, wie die Generaloberin Mutter Maria Cäcilia es sich bei der Gründung unserer Schule gewünscht hat: In einem hellen Haus!

Das ist unsere Schule mit der erzwungenen Unterbrechung im Krieg seit nun 100 Jahren. Darauf konnten und können alle Beteiligten stolz sein. Die Schwestern haben diesen Prozess 88 der 100 Jahre getragen, seit 1999 tut es das Erzbistum. Tragen ist ein mühsames Geschäft und Schulen, zumal so große, wie wir es geworden sind, sind Schwergewichte. Deshalb einen großen Dank an beide Träger und noch einmal ausdrücklich an die heute anwesenden Schwestern für die Ausdauer, die Mühe, die Geduld und die Liebe.

Wir haben jetzt ein wenig nach hinten geschaut und werden das im Laufe des Jahres an der einen oder anderen Stelle auch wieder tun. Ich wünsche uns allen viele positive Erlebnisse und Erfahrungen besonders in unserem Jubiläumsjahr. Ich danke schon jetzt den vielen Engagierten, die bei den vielen Veranstaltungen heute und in den kommenden Monaten sich so viel zusätzliche Arbeit auf die Schultern gepackt haben ganz herzlich. Ich hoffe, dass alles gelingt und tue damit das, was Schulen und ihre Schüler tun; ich schaue auch nach 100 Jahren Schulgeschichte weiter mit Zuversicht und Gottvertrauen nach vorne.

 

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